Wanderer zwischen den Welten

Wandererdas Wiedersehen mit Großvater Saryglar

Proitze, Herbst 2000 – Bei dem großen Seminar derFoundation for Shamanic Studies im niedersächsischen Proitze begegneten wir uns das erste Mal seit 1996 in der alltäglichen Wirklichkeit. Die Begrüßung fiel etwas zurückhaltend aus – so müssen sich wohl langjährige Brieffreunde bei einem ersten Treffen fühlen. Saryglar war mir sehr nahe und vertraut, doch den Mann, der mir nun gegenüberstand, empfand ich dennoch als Fremden. Stundenlang behandelte Saryglar Ratsuchende, einen nach dem anderen. Wie er mich beauftragt hatte, stand ich neben ihm, um die Kraft zu halten. Mein Rücken schmerzte, und meine Gedanken schweiften ab, obwohl ich versuchte, mich zu konzentrieren. Das alles schien Saryglar nichts auszumachen, er arbeitete unbeirrt weiter.

Nachdem ich mein Zimmer im Seminarhof bezogen hatten, traf ich ihn draußen auf dem Vorplatz. Er packte mich am Handgelenk und zog mich auf einen Waldweg – er wollte mit mir einen kleinen Spaziergang machen. Es war niemand in der Nähe, der als Dolmetscher hätte fungieren können, doch offenbar war ihm das nicht wichtig. Er sprach ein Gemisch aus Russisch und Tuvinisch, ich blieb bei meinem Schweizer Dialekt. Wir sprachen leise, lauschten dem Klang der Stimme des anderen, lachten zusammen. So kamen wir uns auch in der Wirklichkeit der Gegenwart wieder näher. Schließlich übergab ich ihm drei kleine Geschenke. Als er das Letzte in Händen hielt, zog er mich zu sich herunter, umarmte und beschnupperte mich. Hand in Hand und voller Freude kehrten wir zum Seminarhof zurück. Auf dem Vorplatz hatten sich inzwischen viele Menschen versammelt.

„Was für ein schönes Bild! Ihr solltet euch mal strahlen sehen!“, sagte eine Frau.

Schon eine Woche nach dem Seminar der Foundation for Shamanic Studies in Proitze sah ich Saryglar wieder. Mit Anderen war Großvater zu dem Kongress „Wanderer zwischen den Welten. Schamanismus im neuen Jahrtausend“ in Garmisch-Partenkirchen angereist.

Stundenlang behandelte Saryglar Ratsuchende, einen nach dem anderen. Wie er mich beauftragt hatte, stand ich neben ihm, um die Kraft zu halten. Mein Rücken schmerzte, und meine Gedanken schweiften ab, obwohl ich versuchte, mich zu konzentrieren. Das alles schien Saryglar nichts auszumachen, er arbeitete unbeirrt weiter.

Dieser alte Kerl ist fit wie ein Nomadenpferd, und ich gehe hier gleich auf die Bretter, dachte ich.

Ich sah, was er tat, wie lange er arbeitete und wie intensiv er es tat.

Das werde ich nie können!, schoss es mir durch den Kopf. Sofort traf mich ein strenger Blick von Saryglar, der tief in mein Inneres drang. Gleich war ich wieder hellwach. Meine umherschweifenden Gedanken, meine Schmerzen, mein Abschweifen: All das ließ er zu und beachtete es nicht weiter. Sobald ich aber an meinen Fähigkeiten zweifelte, tadelte er mich umgehend. Im Laufe des Nachmittages geschah das noch zweimal. Danach hatte ich meine Lektion gelernt.

In diesem Buch könnt Ihr weiterlesen:
Weisse Eule von Adrian Osswald

 

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