Neulich beim Schamanen II

Neulich beim Schamanen

Bildquelle: Vera Markgraf / pixelio.de

Gastbeitrag von Niels Vorwerk

Bekanntschaft mit sich selbst machen

Nach der tiefen Erfahrung vor der Seminarpause hatte ich für einige Momente keine Worte mehr. Es war nicht notwendig zu sprechen. Die Worte waren unwichtig geworden. Ich war sehr ruhig und beobachtete. Meine Mitteilnehmer begannen sich zu regen und angeregt zu unterhalten. Mit jedem von ihnen war etwas geschehen im ersten Ritual. Mit jedem Einzeln. Es hatte sie berührt und verändert.

Meine ehemals Liebste stand in meiner Nähe und machte eine freundlich-einladende Geste, mich neben sie zu stellen in den spontanen Gesprächkreis, der sich vorm Eingang der alten, zauberhaften Villa gebildet hatte. Doch auch ihre Nähe war mir unwichtig geworden. Es gab einen großen Teich mit einem hübschen japanisch anmutenden Ponton auf ihm im großen Garten. Dort wollte ich sein und in meine „Verbundenheit mit Allem was ist“ und in meine Stille reinspüren. Das Wasser des Teiches war ruhig und die Wasserwesen in der Anderswelt schienen mich einzuladen, in ihrer Nähe zu verweilen.

Langsam ging ich auf das elegante Gewässer zu und stellte mich an seinen Rand. Tief atmete ich die klare Wiener Nachtluft ein und ließ die intensiven Eindrücke des ersten Rituals in der Abgeschiedenheit nachhallen.

Irgendwann war die Pause vorbei und ich schlenderte langsam zurück in den Vortragsraum des Anwesens. Die meisten Teilnehmer hatten schon Platz genommen. Nach wenigen Minuten ging es weiter und wir waren wieder still, hörten zu, was der Wanderschamane uns zu sagen hatte und lauschten in uns hinein. Die nächsten Rituale begannen. Wieder ertönte seine Kristallschale und wieder floß der eigenartig vertraute Geistergesang aus seiner Kehle. Meine nächste schamanische Reise wurde dadurch hervorgerufen. Es war nicht notwendig sich zu schützen oder langsam vorzubereiten. Sie waren eh da, um mir beizustehen. Also wurde ich vom Gesang und unserer gemeinsamen Kraft davongetragen:

Es war dunkel. Eine angenehme Schwärze umhüllte mich. Ich stand still da. Ich blickte an mir herunter und sah mich wieder in meiner hellen Gestalt. Wieder trug ich das lange Gewand aus fließendem Licht. Es war hell doch nicht blendend.

Dann kehrten vergangene Seelenteile zu mir zurück. Aus der Tiefe stiegen sie zu mir empor. Sie kamen mir vertraut vor. Intuitiv wußte ich: das war ich zu anderen Zeitaltern vor meiner jetztiger Inkarnation als „moderner nordischer Schamane“.

Ein Indio-Krieger schwebte langsam in mich hinein und nahm seinen Platz ein. Ich erinnerte mich wieder. Es war schon einige Jahrhunderte her.

Ich war in Mittelamerika und verdungen als Wächter eines vorchristlichen Kultes, der sein Machtzentrum an einer Stufenpyramide im Dschungel hatte. Sie war umgeben von einer gerodeten, mit flachem Gras bewachsenen Fläche. Ich liebte das Leben und ich liebte den Dschungel. Ich kannte jeden Stock und Stein in der Umgebung und ich hatte scharfe Sinne. Ich beobachtete alles ganz genau. Doch es war kein angestrengtes Schauen, wie bei einem Soldaten an der Front. Es war ein entspanntes Wahrnehmen. Ich hatte eine braune Haut, war klein aber durchtrainiert. Meine Haare waren dunkel und ich trug schlichten Goldschmuck. Irgendwann gab es Krieg mit einem benachbarten Kult. Natürlich ging es um Land und Macht. Sie sahen sich als Feinde, obwohl ich die Verbundenheit mit allem Leben sah. Der oberste Priester war sehr machtlüstern. Er wirkte dunkel und gierig. Wir wurden angegriffen. Ich verteidigte mein Volk tapfer mit meinem Speer, doch ich wurde schließlich getötet.Nun hatte dieser Teil von mir Frieden, ich hatte mich gut darauf vorbereitet, ihn wieder aufzunehmen durch mein So-Sein.

Dann wechselte die Szene. Kurz wurde es wieder angenehm schwarz, aber es ging schnell weiter.

Das nächste vergangene Selbst nahm Platz. Wieder wußte ich: das war ich. Auch dieses Leben war lange her. Ein alter schlanker Mann mit langem weißen Haar und einem langen weißen Bart in einem langen weißen Gewand kam auf mich zu und verband sich mit mir. Er sah dem Miraculix aus den Asterix-Comics von Uderzo nicht ganz unähnlich. Ja, es war ein alter Druide. Er schien von den Inselkelten zu kommen aus Südengland. Er mochte den Wald sehr, hatte eine tiefe Verbundenheit zu ihm. Er wußte sehr viel, sprach aber wenig. Meistens schwieg er in seinem Alter. Es war nicht wichtig zu sprechen. Er sprach nur, wenn er seinen Schülern etwas beibringen wollte. Er bereitete sich auf seinen Tod vor. Doch er hatte keine Angst. Er wußte genau durch seine spirituelle Praxis, dass er aufgenommen werden würde beim Höchsten hinter den Sternen, die er so gerne beobachtet hatte. Sie würden ihn aufnehmen. Die Götter und die vollendeten Menschen waren eins da oben. Die Menschen waren alle vollendet, wenn sie ihre Hüllen ablegten. Nur hier auf der Erde waren die Unterschiede in den verschiedenen Entwicklungsstadien zu sehen. Es gehörte viel Disziplin dazu, seine niederen Seiten in Schach zu halten und sich auf den Geist auszurichten. Frauen waren tabu. Sie verführten und kosteten spirituelle Kraft. Doch er war glücklich. Bald konnte er heimkehren in das große Eine.

Wieder wurde es dunkel. Der letzte Teil kam aus der mich umgebenden Dunkelheit zurück in meinen Körper. Dieses Leben war noch nicht so lange her. Vielleicht 200 Jahre. Es war in Norddeutschland. Ich war mittelgroß und stämmig. Ich war ein Arbeitstier. Etwas grob aber mit einem guten Herzen. Ich trug eine helle weite Hose und ein helles langärmeliges Hemd mit Weste. Ich trug Holzschuhe. Ich arbeitete im Marschland auf einem Hof und in der Marsch. Ich war ein Knecht. Ich trank gerne einen über den Durst. Das wurde mir zum Verhängnis. Mir war nicht klar, dass der Schnaps so schädlich war. Ich bekam einen aufgedunsenen roten Kopf, war ständig benommen vom Alkohol. Irgendwann schlief ich in der einfachen Kammer ein und wachte nicht mehr auf.

Der Gesang des Schamanen verstummte und ich kehrte wieder in die gewöhnliche Wirklichkeit zurück.“

Wir sammelten uns langsam, kamen wieder an in unserem Veranstaltungsraum. Er schwieg, beobachtete die Menge und als er das Gefühl hatte, dass die Leute bereit waren seinen Worten wieder zu lauschen, setzte er sein Ritual fort. Ich kam mir noch etwas entrückt aber sehr friedlich vor. Ich war entspannt und fühlte mich irgendwie voller, ganzer, runder. Ja, die Seelenrückholung hatte funktioniert, auch wenn es diesmal meine vergangenen Leben betraf…

 

Teil 1 des Erfahrungsberichtes könnt ihr auf meiner facebook-Seite „Wunderbaum Niels Vorwerk“ oder auf meiner Homepage www.derwunderbaum.com unter dem Reiter Wunderbaum-Blog anschauen. Ich wünsche Euch viel Freude damit und gute Gedanken.

Aufpassen: es gibt vielleicht noch einen dritten Teil. 🙂

© by Niels Vorwerk

 

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