Ich mache keine Fasnacht

FasnachtEin neuer Widerstand regte sich leise in mir, als ich den Federputz in Angriff nahm. Indianer spielen, na ja. Doch so richtig haderte ich anschließend mit der Maske. Beim Formen murmelte ich, stetig lauter werdend, vor mich hin: „Ich mache keine Fasnacht! Ich mache keine Fasnacht! Ich mache keine Fasnacht! Ich mache Fasnacht! Ich mache Fasnacht!“ Wie war das? Ich mache Fasnacht? Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ja, ich mache Fasnacht, natürlich!

Das hier war nichts Kulturfremdes, ganz im Gegenteil! Es war mitten aus unserer Kultur gegriffen. Denn was war die Fasnacht ursprünglich? Die Menschen verkleideten sich, um die Geister des Winters, die krankmachenden Geister, zu vertreiben, um Platz für die erneuernden, heilsamen Geister des Frühjahrs zu schaffen. Nichts anders tun Schamanen: Sie entfernen krankmachende Geister, damit die heilsamen Kräfte wirken können.

eigene Traditionen

Im Schweizer Lötschental kleiden sich auch heute noch Männer in Felle und verdecken ihr Gesicht mit einer großen Holzmaske. Als „Tschäggete“ vertreiben sie den Winter, indem sie von hinten durch das Tal nach vorn laufen und dabei die Geister vor sich her hinausjagen. Jetzt wusste ich auch, weshalb ich die kleinen Souvenirmasken aus dem Lötschental auf meinem Gewand anbringen musste. Unvermittelt erschloss sich mir der tiefere Sinn meiner zehnjährigen Auseinandersetzung mit der Aufgabe, die Saryglar mir gestellt hatte, und mit meinem Geistzwilling. Ich war dadurch der vergangenen heidnischen Kultur meiner Heimat nähergekommen. Natürlich hatte ich das Brauchtum gekannt. Doch nun konnte ich plötzlich das Tiefere und Ursprüngliche darin sehen, weil ich es erlebt hatte. Diese Erfahrung lässt mich seitdem nicht mehr los und begleitet mich bis heute.

In diesem Buch könnt Ihr weiterlesen:
Weisse Eule von Adrian Osswald

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