Großvater Saryglar – mein schamanischer Lehrer

Buchcover "Die Weisse Eule"

Buchcover „Die Weisse Eule“

Inzwischen saß ich wie auf glühenden Kohlen und fühlte ein kochendes Brausen in mir aufsteigen. Ich spürte, dass etwas überaus Wichtiges geschehen würde. Ohne bewusste Absicht stellte ich mich neben Rollanda Kongar in den Kreis der Teilnehmer und erklärte, vor Verlegenheit stotternd: Ich wolle dem Schamanen Saryglar Borbak-Ool mein Taschenmesser schenken, als Dank dafür, dass ich die letzten drei Tage bei ihm lernen durfte. Ich entschuldigte mich für das wenig wertvolle Geschenk und hörte mich zu der Übersetzerin sagen, dass dieses Messer mich in den letzten fünf Jahren tagtäglich begleitet habe.

Rollanda sah mich zurückhaltend an, zögerte einen Moment und rief dann Saryglar Borbak-Ool ein paar Worte zu, worauf dieser uns zu sich winkte. Rollanda erklärte ihm meinen Wunsch. Er reagierte darauf mit einem Ausruf der Überraschung und schlug seine rechte Hand vor seinen Mund. Rasch griff er nach dem Messer, das Rollanda ihm hinhielt, zog mich zu sich herunter und beschnupperte mich. Erst später sollte ich erfahren, dass dies in Tuva eine intime Geste ist, vergleichbar mit unserem Küssen.

Er hielt mich fest, während er zu mir sprach, und Rollanda übersetzte: „Ich danke dir sehr für dein Geschenk. Ich werde dieses Messer auf meinen Altar legen. Du bist ein Teil meiner Familie, und du wirst immer ein Bett und eine Familie in Tuva haben, wenn du dorthin kommst.“

Ich war verwirrt,

das ging mir alles zu schnell. Während mein träger Verstand noch arbeitete, sah ich, dass Rollanda neben mir die Tränen über die Wangen liefen. Offenbar reichte diese Situation tiefer, als ich im ersten Moment vermutet hatte.

„Sohn, wenn du nach Tuva kommst, wirst du stets einen Platz in unserer Familie haben“, sagte Saryglar. „Ich bitte dich, nenne mich ab heute Vater.“

Während der Schamane mich erneut zu sich herunterzog und beschnupperte, tobten zwiespältige Gefühle in mir. Schließlich gewann mein kühler Verstand die Oberhand. Ich hatte bereits einen Vater. Und außerdem: Wie, um alles in der Welt, sollte ich je nach Tuva gelangen? Dazu hatte ich weder das Geld noch die Zeit.

Großvater – so beschloss ich, ihn zu nennen – schaute mich an und fuhr fort: „Wenn du nicht nach Tuva kommst, dann kommt mein anderer Sohn, dein älterer Bruder, irgendwann einmal nach Europa. Dann kannst du ihm einen Platz in deinem Haus anbieten.“

Mich durchfuhr ein böser Gedanke: So war das, hier lag der Hund begraben! Ich sollte also seinen Sohn beherbergen. Erst viel später wurde mir klar, dass es für Tuviner generell sehr viel schwieriger ist, zu uns zu kommen, als umgekehrt.

…weiter geht es im Buch: Die Weisse Eule – ein schamanisches Ritual aus dem Hier und Jetzt
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